Fahrradfahren auch verbieten? (Anekdote)

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Steckling
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Fahrradfahren auch verbieten? (Anekdote)

Beitrag von Steckling » Di 20. Aug 2019, 01:46

Gerade überkam mich die Erinnerung an mein erstes mal...

Bis dahin wusste ich immer um die sichernde Hand meiner großen Cousine an meiner Schulter, die fest am Griff der Sissibar meines Bonanzarades aufpasste dass ich nicht stürzen würde. Doch ab jenem Moment rollte ich einfach. Gedankenverloren, diesen wundervollen Fahrtwind in meinem Gesicht genießend.
Schneller, fester und immer weiter trat ich die Pedale, gar nicht spürend dass meine Große mich bereits seit mindestens hundert Metern überhaupt nicht mehr sicherte, auf mich vertraute.

Ich erstaunte erst, war geradezu euphorisch, doch dann kamen meine Zweifel - und ich wurde unsicher, schleuderte, und stürtzte. Ich heulte, bekam zu Hause ein MickeyMouse Pflaster auf die Schramme am Knie.
Doch ich wusste: ich könne von nun an Radfahren! Der Fahrtwind war einfach zu schön gewesen als dass ich nie wieder auf einen Sattel hätte steigen wollen.
Und so radelte ich wieder los am nächsten Tag. Wagemutig die steile Hofabfahrt hinunter, ...und ungebremst auf die Straße.
Ein Auto kam nicht, doch umso schneller der gegenüberliegende Kantstein auf mich zu.
Ich dachte noch, das hätte jetzt nicht sein müssen, wäre Vater mit mir Radfahren üben gekommen.
Es war diesmal etwas mehr als ein Pflaster nötig.

Meine Eltern verboten mir darauf mein Fahrrad. Mutter könne die ständige Sorge nicht ertragen das mir was passiert. Sie könne ja schliesslich nicht rund um die Uhr auf mich aufpassen. Und Vater störte das gelegentliche Geheul während seiner Abendschau.
Und was erst die Nachbarn denken sollen...

Dennoch passte ich jede Gelegenheit ab um dann eben heimlich zu fahren.
Anschliessend die Räder wieder profilgenau zurück zu stellen, alle Spuren wie Laub und Reifenspuren zu entfernen.
Und auf Nachfrage unverhohlen meine Eltern anzulügen.

Das Lügen und Verheimlichen wurde wie ein Sport für mich.
Diese heimliche Welt die ich mir erfuhr... den Wind, die Freiheit...
Und wusste ich doch dass ich mir nur deshalb freiwillig immer wieder die Knie aufschrammte weil ich das Bonanzabiest noch nicht beherrschte, es mich immer wieder überraschte mit seiner tückischen Allianz zwischen Masseträgheit und Fliehkraft, an dessen Ende stets die Schwerkraft siegte. Diesen Drachen musste ich einfach bezwingen, kein Gedanke an Kapitulation. Das war ich mir schuldig.

Und ich lernte das Bonanzarad zu beherrschen. Trotz verbot.
Ich konnte irgendwann kleine Kunststückchen, nahm die schnellsten Kurven enger als jeder meiner Freunde, konnte bald freihändig fahren. Und das Erreichte machte mich glücklich: meine Angst besiegt zu haben, Spaß zu haben ohne Schrammen.
Nach dem Sturz aufs sprichwörtliche Pferd wieder aufgestiegen zu sein. Die Fliehkraft zu beherrschen. Die Grenzen von Körper Geist und Willen entdeckt zu haben. Und deren ungeahnte Weiten.

Meine Eltern erwischten mich fast wöchentlich. Oft weil das Reifenprofil anders stand, oder ich ein verräterisches Blatt in der Garage übersehen hatte. Ich wurde müde um des sinnlosen Versteckspiels. Und das kostete immer eine heftige Standpauke, nicht selten Stubenarrest.
Aber das war mir irgendwann egal. Ich sah die Strafen als Auszeichnung: als Bestätigung dafür dass ich eben nun kein Teil mehr bin von der gemeinsamen Welt. Der Welt meiner Eltern - die überhaupt keine Vorstellung von Freiheit und Fahrtwind im Gesicht hatten. Dass ich eben nicht dazu gehöre. Anders bin. Mich nur heimlich entfalten kann, immer unter Angst vorm Erwischt werden. Immer erst um die Hauswand schauen damit der Nachbar mich ja nur nicht sieht, meinen Eltern petzt dass er mich mit dem Fahrrad gesehen hat.

Ich weiss gar nicht mehr was damals eigentlich schöner war:
der Fahrtwind, die Freiheit? Oder der Kick mit etwas Verbotenem nicht erwischt zu werden.

Heute fahre ich souverän mein Tracking Bike. Ganz gemächlich mal über Land, mal durch die Stadt, einfach wohin ich will.
Keine Geschwindigkeitsrekorde, kein Downhill Adrenalin kick. Dafür bin ich zu alt :) Dafür entdecke ich unterwegs so unendlich viel mehr als jeder der einfach nur auf der Autobahn von a nach b hetzt.
Und wenn ich mal keine Lust habe, dann lass ich es einfach im Keller stehen: stets mit der Genugtuung dass es meine Entscheidung ist ob ich mit dem Rad oder dem Bus fahre, oder zu Fuß gehe.


Und ist nicht das erste mal Maryjane rauchen genau wie zum ersten mal ohne Stützräder fahren?
Ja klar, anfangs kann es Angst machen - du kannst für einen Augenblick das Gefühl haben den Kräften deiner Fantasie machtlos ausgesetzt zu sein. Da kann es enge Kurven geben.
Doch wie beim Radfahren lernst du alsbald dich nicht gegen die Fliehkraft zu stemmen, sondern sie für dich zu nutzen und ein sicherer Radfahrer zu werden. Einer der das Besondere erkennt an dem jeder andere achtlos vorbei eilt. Einer der viel mehr schmeckt als einfach nur Tomatensauce, mehr hört als nur Noten, mehr liest als nur Buchstaben. Ein Feinschmecker für die versteckten Großartigkeiten der Menschheit.
Einmal die Angst vor dem Neuen, Unbekannten abgelegt, und die Neugier geweckt, ist es wie die Befreiung zum ersten mal ohne Stützräder zu fahren, überall hin zu können, den Fahrtwind im Gesicht zu spüren, ein tiefes Glück zu empfinden das dich nicht auf schnell von a nach b zu kommen reduziert.

Du musst den Grünen Geist erst lernen genau wie Fahrradfahren: das Gleichgewicht finden und keine Angst vor dem Fahrtwind haben.
Gute Menschen zeigen dir wo die Bremse ist, oder wie man sich in die Kurve legt.
Böse Menschen nennen es Drogenpsychose, zeigen dir nicht wo die Bremse ist, zeigen dir nicht wie man einen Bad Trip oder ein wildgewordenes Fahrrad zähmt, und sperren dich lieber ein.
Welch eine Erdreistung!

Zu Fuß gehen ist natürlich auch ok ;)
Aber bitte jedem das Seine.

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Re: Fahrradfahren auch verbieten? (Anekdote)

Beitrag von Cookie » Di 20. Aug 2019, 08:42

Schöne Anekdote und Analogie!
"A mind is like a parachute. It doesn't work unless it's open." - Frank Zappa

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