pepre hat geschrieben: So 21. Mai 2023, 11:16
Freno hat geschrieben: Sa 20. Mai 2023, 22:20
Was ist 1 "Fakt" ?
ZB Naturgesetze sind Fakten.
Freno hat geschrieben: Sa 20. Mai 2023, 22:20
Was ist "leugnen" ?
Naturgesetze nicht zur Kenntnis zu nehmen. Bzw mit viel Schwurbel zu versuchen sie zu ignorieren/relativieren.
Ich muß ehrlich bekennen, kein einziges "Naturgesetz" in Evidenz zu halten - ich müßte bei Wiki nachschlagen, um ein Beispiel zu finden.
Naturgesetze sind indessen 1 Produkt dessen, was wir Wissenschaft nennen und diese beruht auf Beobachtung. Eine Beobachtung ist ein Sinnesreiz, der zu unserem Bewußtsein gelangt. Bis hierhin dürften wir uns einig sein - und jetzt geht es los mit meiner psychoanalytischen Sicht auf die Dinge: gemeiniglich nehmen wir an, daß alle Sinnesreize, denen wir Relevanz beimessen - "uns konzentrieren" - auch bewußt werden und genau das ist leider falsch. Denn es gibt in unserer Psyche, genauer: im unbewußten Teil unserer Psyche, eine Instanz, die darüber entscheidet, welche Sinnesreize unser Bewußtsein überhaupt erreichen dürfen. Diese Instanz wird von der Psychoanalyse "die Abwehrmechanismen" genannt. Anna Freud hat in "Das Ich und die Abwehrmechanismen" ungefähr 10 davon katalogisiert und prägnant beschrieben. Diese "Abwehrmechanismen" können aber nicht nur negativ Wahrnehmungen der Aussenwelt von unserem Bewußtsein fernhalten, sondern auch positiv Wahnvorstellungen als "Wahrnehmung der Aussenwelt" in unser Bewußtsein "einschmuggeln". Psychopathologisch nennt man das gemeinhin Schizophrenie. Wir sind es gewohnt, dies für einen Ausnahmezustand von einigen wenigen "Kranken" zu halten - tatsächlich sind solche Schizophrenien bei jedem "Kulturmenschen" (S. Freud) anzutreffen. Sie begegnen uns Tag für Tag. S. Freud hat unter dem Titel "Zur Psychopathologie des Alltagslebens" ein sehr amüsant zu lesendes Buch darüber verfasst.
Was wohl alle von uns schon einmal selbst in der einen oder anderen Weise erlebt haben: wir können einen aktuell benötigten Gegenstand nicht auffinden, zB den Schlüsselbund, ohne den wir die Wohnung nicht verlassen, Fahrrad oder Kfz nicht benutzen können, wenn wir zu einer Verabredung aufbrechen wollen. Wir finden ihn nicht an seinem "festen Platz", auch nicht an allen anderen möglichen Orten in der Wohnung, durchsuchen alle möglichen Ablageorte, Taschen, Schubladen ... nichts - und wir kommen in eine linde Form von Panik hinein, Ameisen laufen rasend schnell an der Innenseite der Haut, der Blutdruck schießt durch die Decke, Schweißperlen tropfen von der Stirn ... und dann tun wir zumeist irgendwann instinktiv das Richtige: "Moment mal - erst mal wieder runterkommen!" Wir setzen uns hin, trinken eine Tasse Tee oder Kaffee, rauchen eine oder EINEN (was interessanterweise besonders wirksam ist!), hören etwas Musik, blättern in was Gedrucktem oder klicken im Netz herum ... und dann, beruhigt, nehmen wir die Suche wieder auf und finden den Schlüsselbund genau dort, wo er hingehört, an seinem festen Platz, wo wir schon "dutzendmale" nachgeschaut hatten. Wir schütteln den Kopf über unsere Schusseligkeit und verlassen erleichtert die Wohnung und machen uns keine Gedanken mehr darüber, alleine, weil es so peinlich ist. Das Allerpeinlichste ist: an dem "festen Platz" des Schlüsselbunds hatten die Abwehrmechanismen ein Erinnerungsbild des "festen Platzes" ohne Schlüsselbund in unser Bewußtsein projiziert, die Sinneswahrnehmung des "festen Platzes" mit Schlüsselbund dagegen verdrängt. Wieder so eine "Schizophrenie des Alltagslebens" !
Solche "Fehlleistungen" erweisen sich, wenn man sie psychoanalytisch untersucht, regelmässig als Folge der Tätigkeit der Abwehrmechanismen. Im Beispiel vom Schlüsselbund: bei der Verabredung, zu die wir aufbrechen wollten, gab es einen dem Bewußtsein verborgen gebliebenen Grund, ihr fernbleiben zu wollen. Zu der Party, zu der wir eingeladen waren, und uns bewußt drauf freuten, war auch "der/die Ex" eingeladen, mit der wir bewußt inzwischen "im Reinen" sind und ein "bewußt freundschaftliches Verhältnis" haben ...
Solche Fehlleistungen können auch kollektiv zustande kommen. Le Bon referiert in "Psychologie der Massen" einen Fall, in dem ein französisches Kriegsschiff auf einer "search & rescue"-Aktion unterwegs war. Ein Ausguck erblickte sie zuerst: ein Floß mit winkenden Schiffsbrüchigen, bald sahen sie auch die anderen auf Deck befindlichen Besatzungsmitglieder, das Kriegsschiff hielt auf die Schiffsbrüchigen zu ... und tatsächlich war es ein Baum, der in dem (ufernahen) Gewässer trieb.
Wenn von 1000 Experten 999 einer Meinung sind, dann meint man gewöhnlich, die Wahrheit - den "Fakt" - gefunden zu haben - aus der Sicht der Psychoanalyse jedoch drängt sich der Verdacht auf, daß sich eine "psychologische Masse" gebildet hat, die sieht, was ihr kollektives Unbewußtes sehen will und auch nicht sieht, was ihr kollektives Unbewußtes nicht sehen will.