Der SPIEGEL vor 46 Jahren

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bushdoctor
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Der SPIEGEL vor 46 Jahren

Beitrag von bushdoctor »

Im Jahr 1966 gab der SPIEGEL schonmal einen Vorgeschmack auf bestens recherchierte Geschichten zum Thema Cannabis:
Dreimal ram-ram

Folgendern Absatz fand ich sehr interessant:
Der Haschisch-Produzent kann - etwa mit einem warmen Bügeleisen aus der Cannabis-Pflanze eine harzartige Masse herauspressen - das berauschende Hanföl Cannabinol. Er kann aus den weiblichen Blüten-Sprossen einen klebrigen Brei herstellen. Aus dem Kraut läßt sich eine Art Preßtabak verfertigen. Die getrocknete Pflanze läßt sich häckseln oder pulverisieren.

Der Haschisch-Konsument wälzt die Cannabis-Blüten entweder wie Kautabak zwischen den Gaumen oder dreht aus dem Haschisch-Brei kleine Kügelchen und gibt diese - wie es der Haschischesser Baudelaire am liebsten tat - schwarzem Kaffee bei. Er stopft den Cannabis-Teig in eine Wasserpfeife und inhaliert seine berauschenden Dämpfe. Er dreht aus dem getrockneten Kraut Zigaretten oder setzt Zigarettentabak ein paar Prisen Marihuana zu.
Das letzte hat glaube ich fast jeder, der hier aktiv ist, schonmal gemacht: Eine "Prise" Marihuana dem Zigarettentabak zugesetz...
Die "Bügeleisen"-Technik würde mich schon sehr stark interessieren. Gab´s das wirklich?

Falls der SPIEGEL hier 1966 nicht totalen Bullshit verzapft hat, dann haben sich die Konsumgewohnheiten aber während der letzten 40 Jahre sehr stark geändert...

Auch "rassistische" Tendenzen sind in dem Artikel zu erkennen, denn "ein guter Deutscher raucht kein Hasch", das haben selbstverständlich die "Ausländer" mitgebracht:
Zweifellos ist auch in Deutschland die Marihuana-Welle Resultat einer modernen Völkerwanderung. Nach Beobachtungen des BKA-Kriminalrat Thomsen "fällt die aufsteigende Linie bei Marihuana zusammen mit der steigenden Zahl von Gastarbeitern, die nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch Marihuana mitgebracht haben".
Immerhin spricht der Artikel die Legalisierung kurz an, indem auf den LaGuardia-Report verwiesen wird und eine Forderung des britischen Ärzteblattes zitiert wird, wenn auch mit "rassistisch gefärbtem" Nachkommentar:
Daß man Marihuana von der Liste der Rauschgifte streichen, seinen Verbrauch legalisieren und ihm "denselben soziologischen Status wie dem Alkohol" geben möge, forderte das ehrwürdige britische Ärzteblatt "The Lancet" 1963. Nach der Einwanderung Hunderttausender Farbiger ins englische Mutterland hatte der Marihuana -Konsum unter den Twens und Teenagern Großbritanniens damals zugenommen "wie die Geburtenrate in Indien" (der Londoner "Daily Sketch").
Trotzdem bleibt der Tenor - wie heute auch - "Haschisch rauchen mach dumm"!

Meines Erachtens diente dieser SPIEGEL-Artikel der medialen Vorbereitung des BtmG, denn damals "herrschte" noch das Reichsopiumgesetz, wonach man nur bis zu drei Jahren "einsitzen" musste für Verstöße...
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Gerd50
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Re: Der SPIEGEL vor 46 Jahren

Beitrag von Gerd50 »

Die "Bügeleisen"-Technik würde mich schon sehr stark interessieren. Gab´s das wirklich?
Das erste mal Haschisch habe ich 1968 geraucht. Es war damals sehr schwierig verlässliche
Informationen über Herkunft, Herstellung etc. zu bekommen. Es geisterten noch mehr Gerüchte
wie die Bügeleisen Nummer z. Bsp. in Mexiko reiten Gauchos durch Hanffelder, das Harz bleibt
an den Leggings kleben und braucht nur abgekratzt werden :lol: :lol: :lol:

Das kannst du also vergessen Bushdoctor. Ich glaube auch nicht, das der Spiegel etwas mit
der Änderung des Reichsopiumgesetzes zu tun hatte. 66 war Haschisch nur wenigen bekannt,
vorwiegend wurde es in Künstlerkreisen konsumiert und wurde von Reisenden aus dem Libanon,
der Türkei und Nordafrika mitgebracht.

68 war es dann fast überall verfügbar, vor allem dort, wo US Soldaten nach ihrem Einsatz
in Vietnam 'zwischengelagert' wurden. Das US Militär hatte ein starkes Interesse daran,
die Leute hier einigermaßen clean von Opiaten zu bekommen, um sie nicht völlig verwürgt
nach Hause schicken zu können. Da ist die Ursache für die Gesetzesänderung m. E. zu suchen.
Die Amis brauchten deutsche Amtshilfe, um ihren selbstgezimmerten Problemen Herr zu
werden. Was nicht funktioniert hat, wie wir wissen.

Wo hast du den Spiegel Artikel ausgegraben? Lohnenswert könnte eine Spiegelsuche
1989/90 sein. Da gab es eine Drogenserie, von der Amendt schrieb, nicht frei von
Mafia Folklore, aber durchaus lesenswert.
Ich glaube an alles. Außer an Menschen.
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bushdoctor
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Re: Der SPIEGEL vor 46 Jahren

Beitrag von bushdoctor »

Gerd50 hat geschrieben: Das kannst du also vergessen Bushdoctor. Ich glaube auch nicht, das der Spiegel etwas mit
der Änderung des Reichsopiumgesetzes zu tun hatte. 66 war Haschisch nur wenigen bekannt,
vorwiegend wurde es in Künstlerkreisen konsumiert und wurde von Reisenden aus dem Libanon,
der Türkei und Nordafrika mitgebracht.
Ich glaube auch nicht, dass der SPIEGEL allein für das BtmG "verantwortlich" ist, sondern dass damals schon über gezielte Medienkapagnen die Bevölkerung auf die "drohende Rauschgiftlawine" vorbeireitet werden sollte.
Immerhin wußte man schon - in gewöhnlich gut informierten Kreisen - dass so etwas kommen würde, denn, wie Du selber schreibst:
Gerd50 hat geschrieben: 68 war es dann fast überall verfügbar, vor allem dort, wo US Soldaten nach ihrem Einsatz
in Vietnam 'zwischengelagert' wurden.
Untermauern möchte ich meine "Verschwörungstheorie" mit dem SPIEGEL-Artikel selber:
Ganze 1,28 Kilogramm Marihuana waren es, die 1960 von den bundesdeutschen Rauschgiftdezernaten sichergestellt wurden. Letztes Jahr fanden deutsche Kriminalpolizisten im Gepäck leichtsinniger Gelegenheitsschmuggler und in den ausgeklügelten Verstecks gerissener Profis schon 45,40 Kilogramm Marihuana-Konterbande.
Und für dieses Jahr rechnen die Kriminalisten mit der doppelten Menge des Vorjahres - immerhin wurde bis Oktober allein in den Bundesländern Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen schon annähernd so viel Marihuana beschlagnahmt wie 1965 im gesamten Bundesgebiet.
und vorallem am Schluß des Artikels:
Strafen bis zu drei Jahren Gefängnis droht das Opiumgesetz demjenigen an, der die dort aufgeführten Betäubungsmittel ohne Genehmigung herstellt, ex- oder importiert, handelt oder erwirbt.
impliziert nach Schilderung der "schlimmen" Sachverhalte im Artikel: "Was, nur drei Jahre Gefängnis??? Das muss geändert werden!"
Gerd50 hat geschrieben:Wo hast du den Spiegel Artikel ausgegraben?
Bin durch Zufall im Online-Archiv des SPIEGEL darauf gestoßen. Vermutlich hast Du´s übersehen, aber ich habe den ganzen Artikel in meinem Beitrag verlinkt. Dürfte Dich interessieren, Gerd. Der Einfachheit halber hier klicken

Vermutlich sind zur gleichen Zeit (1966/67) in allen Tageszeitungen und Wochenmagazinen ähnliche Berichte erschienen... vielleicht möchte das ja jemand nachprüfen. Mir reicht´s jedefalls aus für meine persönliche Verschwörungstheorie. ;-)
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Gerd50
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Re: Der SPIEGEL vor 46 Jahren

Beitrag von Gerd50 »

Stimmt, interessanter Artikel. Vor allem das hier:
Tatsächlich ist die Schädlichkeit des Haschisch-Genusses unter Kennern und Wissenschaftlern umstritten.
Doch in New York, wo es während des Zweiten Weltkriegs im Negerviertel Harlem 500 illegale Marihuana -Raucher-Klubs gab, kam 1944 eine Untersuchungskommission nach gründlichen Ermittlungen zu dem Schluß, daß der Haschisch-Genuß keineswegs zur Süchtigkeit im medizinischen Sinne des Begriffs führe. "Die Äußerungen über katastrophale Folgen des Rauchens von Marihuana in New York" seien unbegründet.
Daß "nach Haschischmißbrauch keine echte körperliche Gewöhnung" eintrete wie nach dem Morphium-Rausch oder

etwa bei notorischen Alkoholikern, vermerkte der Wissenschaftler Dr. Reininger in der medizinhistorischen "Ciba -Zeitschrift". Daß man Marihuana von der Liste der Rauschgifte streichen, seinen Verbrauch legalisieren und ihm "denselben soziologischen Status wie dem Alkohol" geben möge, forderte das ehrwürdige britische Ärzteblatt "The Lancet" 1963. Nach der Einwanderung Hunderttausender Farbiger ins englische Mutterland hatte der Marihuana -Konsum unter den Twens und Teenagern Großbritanniens damals zugenommen "wie die Geburtenrate in Indien" (der Londoner "Daily Sketch").
So etwas kam schon zwei Jahre später nicht mehr vor. Einstiegsdroge, unkalkulierbares Suchtrisiko,
psychische Störungen, soziale Verwahrlosung waren Schlagwörter, mit denen die anti 'Rauschgiftstimmung'
angeheizt wurde.

Die regionale Presse in der Provinz spielte dabei kaum ein Rolle. Als Transportmittel dienten eher
Blätter wie das goldene Blatt und so. Elterngeneration mobil machen, Misstrauen gegenüber der
eigenen Brut erzeugen. Rote Augen, Lethargie, null Bockstimmung als Alarmzeichen erkennen war
die Strategie.
Ich glaube an alles. Außer an Menschen.
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overturn
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Re: Der SPIEGEL vor 46 Jahren

Beitrag von overturn »

Hallo, Gerd!
Gerd50 hat geschrieben:Es geisterten noch mehr Gerüchte
wie die Bügeleisen Nummer z. Bsp. in Mexiko reiten Gauchos durch Hanffelder, das Harz bleibt
an den Leggings kleben und braucht nur abgekratzt werden :lol: :lol: :lol:
Seit Jahrhunderten wird berichtet, dass in Nepal und Teilen Indiens ursprünglich nackte Menschen, oder Personen, die lediglich mit einer Lederschürze bekleidet waren, durch die Hanffelder rannten, um anschließend Haschisch herzustellen. Die moderne, nordamerikanische Variante ist aber auch nicht schlecht - ich danke ;P

Grüße!
"Never doubt that a small group of thoughtful, committed citizens can change the world. Indeed, it is the only thing that ever has."
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bushdoctor
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Re: Der SPIEGEL vor 46 Jahren

Beitrag von bushdoctor »

Ich möchte diesen ur-alten Spiegelartikel mal wieder in den Fokus rücken, weil ich bei ner Recherche mal wieder daraufgestoßen bin und vergessen habe, dass ich das ja schonmal gelesen und verlinkt hatte...

Das Gedächtnis kann also auch ohne externe Cannabinoid-Zufuhr löchrig sein... ;)

Jedenfalls hat dieser kleine Satz aus diesem Artikel diesmal meine Aufmerksamkeit bekommen:
Aber der Mißbrauch von pharmazeutischen Markenartikeln ist weitgehend kontrollierbar - weil die Bezugsquellen kontrollierbar sind.
Vorher ging es um die "Normalsüchtigen" (sic!), die sich ihren Stoff (nicht immer) ganz legal in der Apotheke besorgen.

Kaum zu fassen, da liegt ein Argument für eine "Legalisierung" zum Greifen nahe vor einem - in diesem Falle des Journalisten - und wird dann 1. nicht aufgegriffen und 2. ins Gegenteil verkehrt.

Insgesamt ist dieser Spiegel-Artikel ein Juwel! Er hat mir auch beim zweiten Lesen enormes Schmunzeln bereitet... :mrgreen:
Ernst Berlin
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Re: Der SPIEGEL vor 46 Jahren

Beitrag von Ernst Berlin »

Wer hatte denn den Bericht geschrieben? Anslinger? Wurde in den USA nicht auch behauptet Mexikaner würden das Böse kraut mitbringen? Günstig war es auch damals das Gramm zu 3-4 Mark. :D
Das PDF des Artikels finde ich auch bemerkenswert. Mitten drin auf Seite zwei ne Alkoholwerbung.

Zu den Nackten der durch das Feld rennt. Ich habe mal nen Bericht gesehen ( Vieleicht Spiegel TV ich weiß es nicht mehr) dort wurde ein Kind und ein Man gezeigt die in der Russischen Steppe in nem Cannabis Ruderalis Feld Hasch von der Pflanze rieben. Der Junge machte es wie in Afghanistan und Jamaika und der Mann lief wirklich Nackt zwischen den Pflanzen herum. Kurz darauf zeigten sie ein paar Junge Männer auf dem Boden sitzen, von der Örtlichen Polizei mit Gewehren bedroht kiffen. Der Sprecher sagte dazu, " das wird für längere Zeit das letzte mal sein, das die Männer ihrer Sucht fröhnen." Danach wurden sie in ein Gefängnis gesteckt.

Im Gründe ging es um die Gefängnisse im damals neuen Russland nach dem zerfall der UDSSR.
Privat Sponsor des DHV seit 06.10.2009... Wann machst du mit? :D
weedy4
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Re: Der SPIEGEL vor 46 Jahren

Beitrag von weedy4 »

http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1969-46.html

Stellenweise glaubt man es ist ein aktueller Artikel...und es zeigt wie wenig sich teilweise in 45 Jahren getan hat...und wie weit weg die Relegalisierung leider immer noch ist...
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